6. Kammerkonzert
Sonntag, 8. Februar 2026
19.30 Uhr, Bürgerhaus Telgte
Bassfeld 9 / 48291 Telgte
Klaus Sticken – Klavier
Klaus Sticken war am Sonntagabend auf Einladung des Kultur-Freundeskreises im Bürgerhaus zu Gast. Fotos: Axel Engels
Westfälische Nachrichten vom 10.02.2026
von Axel Engels
Lang anhaltender und herzlicher Applaus
Klaus Sticken begeistert Telgte erneut
Telgte. Der Klavierabend mit Klaus Sticken am Sonntagabend im bestens gefüllten Bürgerhaus verband programmatische Klugheit, interpretatorische Reife und eine exquisite Anschlagskultur zu einem nahezu idealen Ganzen. Klaus Sticken hat bereits seit 2005 hier mehrfach konzertiert und ist auf ausdrücklichen Wunsch des Publikums erneut vom Kultur-Freundeskreis eingeladen worden.
Diese gewachsene Verbundenheit prägt seine Auftritte im Bürgerhaus immer wieder aufs Neue, denn er ist hier nicht Gast im herkömmlichen Sinne, sondern ein vertrauter musikalischer Erzähler, dessen Programme man neugierig erwartet, weil sie Bekanntes vertiefen und zugleich überraschende Perspektiven eröffnen. Mit den „Sechs kleinen Präludien BWV 933–938“ von Johann Sebastian Bach wählte Klaus Sticken bewusst keinen effektvollen Einstieg, sondern eine intime, konzentrierte Form des Musizierens, die die Zuhörenden gleichsam einlud, sich auf feine Nuancen, atmende Phrasierung und die innere Logik dieser Miniaturen einzulassen.
Jedes der wohlbekannten Präludien erhielt ein eigenes Profil, mal tänzerisch beschwingt, mal nachdenklich und introvertiert, stets getragen von einer Klarheit der Artikulation, die die polyphonen Strukturen durchsichtig machte, ohne sie je akademisch wirken zu lassen. Hier zeigte sich Klaus Stickens tiefe Vertrautheit mit der Bach’schen Klangsprache, die weniger auf historisierende Strenge als auf lebendige musikalische Rede setzt.
Nahtlos fügte sich daran die Klaviersonate Es-Dur op. 31 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven, ein Werk voller Esprit, Witz und formaler Überraschungen, das Sticken mit souveräner Übersicht und feinem Gespür für Beethovens humorvolle Brechungen gestaltete. Das eröffnende Allegro wirkte spannungsvoll und zugleich von tänzerischer Leichtigkeit durchzogen, das Scherzo sprühte vor rhythmischer Energie, während das Menuett mit eleganter Grazie erklang. Im Finale mit seinen höchst anspruchsvollen Passagen verband sich schließlich virtuose Brillanz mit struktureller Klarheit zu einem mitreißenden Abschluss, der das Publikum hörbar begeisterte.
Nach der Pause öffnete sich mit dem „Prélude, Arioso et Fughette sur le nom de BACH“ von Arthur Honegger ein anderer ästhetisch-stilistischer Raum. Hier trat Stickens besondere Stärke im Umgang mit Musik des 20. Jahrhunderts deutlich hervor, nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner vielbeachteten Einspielung der Klavierwerke von Frank Martin und Arthur Honegger. Er vermied jede demonstrative Modernität und ließ das Werk vielmehr als konzentrierte Auseinandersetzung mit Tradition und persönlicher Tonsprache erscheinen. Das Prélude wirkte spannungsgeladen und von herber Expressivität, das Arioso von eindringlicher Gesanglichkeit, und die Fughette gestaltete Klaus Sticken mit großer Präzision und feinem Sinn für rhythmische Pointierung. Dabei wurde die motivische Ableitung aus dem Namen BACH klar nachvollziehbar, ohne den musikalischen Fluss zu hemmen. Dieser programmatische Bezug wirkte wie ein Bogen zurück zu Bach und öffnete zugleich den Weg in die romantische Fantasiewelt von Robert Schumanns „Carnaval op. 9“.
Dieser Zyklus entfaltete sich unter Klaus Stickens Händen als farbenreiches Panorama musikalischer Charaktere. Dieser Maskenball erschien nicht als lose Folge von Stimmungsbildern, sondern als fein dramaturgisch durchgeformtes Ganzes, in dem sich die Gegensätze von Eusebius und Florestan, von Innigkeit und Überschwang, von Ironie und Ernst organisch durchdrangen. Die lyrischen Nummern erklangen von großer Innerlichkeit, frei von falschem Pathos, während die virtuosen Passagen mit Energie, Präzision und spielerischer Lust gestaltet waren.
Das Spiel von Klaus Sticken war getragen von einem tiefen Verständnis für Schumanns poetische Gedankenwelt. Das Publikum folgte dieser musikalischen Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit und im lang anhaltenden, herzlichen Applaus zeigte sich die Begeisterung der Musikliebhaber für diese beseelte Spielweise.
Klaus Sticken bestätigte an diesem Abend einmal mehr seinen Rang als Künstler, der technische Finesse intellektuelle Durchdringung und emotionale Präsenz auf selbstverständliche Weise verbindet. Dieser Klavierabend im Bürgerhaus war ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie lebendig Musik sein kann, wenn sie von einem Künstler gestaltet wird, der nicht nur spielt, sondern der Welt jenseits des reinen Notentextes ein musikalisches Gewand verleiht.
